Wege in eine humanere Welt. Beispiele und Berichte international praktizierender „Aktivisten der Humanität“

Akademietagung in Pforzheim, Samstag, den 16. April 2005
in Zusammenarbeit mit der freimaurerischen Akademie des Alten und Angenommen Schottischen Ritus und der Freimaurerloge „Reuchlin“

Vortäge mit anschließender Diskussion:

Alfried Lehner:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aufgabe und Chance für die Freimaurerei

  • Zusammenfassung: Trotz Verankerung der Achtung und des Schutzes der Menschenwürde in unserer Verfassung ist diese in unserem Staate permanent gefährdet, weil der Mensch von Kindesalter an dazu neigt, über seine Mitmenschen Macht ausüben zu wollen.. Die historische Entwicklung zeigt durchaus Fortschritte in der Menschenrechtsidee sowie der Befreiung des Individuums aus staatlicher und religiöser Bevormundung. Dennoch nehmen die Menschenrechtsverletzungen in der UNO eher zu. Der Schlüssel zum Raume der Menschenwürde ist in der menschlichen Vernunft zu suchen. Auf sie muss durch Erziehung so eingewirkt werden, dass sie am schöpferischen Prozess der Weltordnung teilhat. Hierzu ist es erforderlich, den zeitlos gültigen Werten –  den Tugenden – wieder Bedeutung zuzumessen, die ihr Wert für das Zusammenleben der Menschen und Völker verdient. Die Freimaurerei hat hierfür besonders günstige Vorbedingungen, weil sie Erwachsene zur Selbsterziehung anleitet und jene Werte in ihren Ritualen weiterleben. Rituale aber setzen Gemütskräfte frei, an die Worte nicht heranreichen.

Joachim Gröger:
Praktizierender Humanismus durch Hilfe zur Selbstentwicklung

  • Zusammenfassung: Als Karlheinz Böhm am 16.5.1981 im ZDF seine berühmte Wette verlor, ahnte niemand, eine wie große Aktion der Hilfe durch Selbsthilfe sich daraus entwickeln würde. Das Geheimnis des Erfolgs ist nämlich die Verbesserung der Lebensumstände in Äthiopien durch die Arbeit der Betroffenen selbst. So sind dem ersten Projekt, in dem 1600 Menschen eines Flüchtlingslagers in 4 selbst errichtete Dörfer umsiedelten, größere Projekte gefolgt, bis zur Umwandlung des Gebiets Merhabete und Derra mit 350 000 Menschen. Aufforstung sorgt dort jetzt für stabilere Regenzeiten. Bessere, angepasste Methoden und Terrassierung liefern eine sichere Ernährungsgrundlage. Straßen, Brücken, Brunnen, Schulen, Werkstätten und Krankenhäuser bilden die Infrastruktur für eine gesunde Regionalentwicklung. Allgemeine Schulbildung, Alfabetisierung der Erwachsenen, Ausbildung von Jungen und Mädchen in handwerklichen und universitären Berufen bilden die Basis für eine stetige Weiterentwicklungder Projekte und des ganzen Landes.  Besonderes Gewicht legt MfM dabei auf gleiche Chancen für Frauen und Mädchen. Besonders wichtig und erfolgreich ist der Kampf gegen die Beschneidung der Mädchen. Die Beschneiderinnen arbeiten nun als Hebammen! Überhaupt bringt die Unterstützung der Frauen mit Berufsbildung und Startkrediten besonders viel Erfolg. Von der humanitären Arbeit von MfM haben bisher 1,7 Mio Menschen direkt profitier,  5.6 Mio indirekt, und 10 Mio haben Zugang zu medizinischer Hilfe bekommen. Im Gegensatz dazu führt andauernde Nothilfe durch Nahrungs- und Kleiderspenden zur  Zerstörung der eigenen Strukturen. Zur Aidsaufklärung und Familienplanung ziehen  Theatergruppen durch das Land, und fast jeder Händler verkauft Kondome. Für die zahllosen Minenopfer fertigen Werkstätten im ganzen Land  die passenden Prothesen. All diese Arbeit wird von Einheimischen geleistet, wenn das Projekt einmal gestartet ist. Und spätestens nach 3 oder 5 Jahren geht es voll in die auch finanzielle Verantwortung der Äthiopier über. Regierung und Bevölkerung des Landes haben Karlheinz Böhm für seine Arbeit mit ihrer eigenen Arbeit gedankt aber auch mit zwei Ehrendoktorhüten und der einzigen Ehrenstaatsbürgerschaft Äthiopiens.

Stephan Schlensog (Projekt Weltethos):
Der Islam und die westliche Welt: Konfrontation oder Dialog?

  • Zusammenfassung: Nach drei versäumten Gelegenheiten zu einer neuen friedlichen Weltordnung (1918; 1945; 1989) befinden wir uns nun in einer andauernden kriegerischen Auseinandersetzung des Westens mit der Islamischen Welt.  Dieser Krieg hat eine Reihe von Wunschvorstellungen als Illusion entlarvt: Die Beseitigung des Terrors durch Krieg gegen „Schurkenstaaten“. Die Möglichkeit eines erfolgreichen Krieges der Supermacht ohne Zustimmung der Uno und unter Verletzung des Völkerrechts. Die Lieferung von eindeutigen Beweisen durch den Geheimdienst als völkerrechtliche Begründung für einen Erstschlag. Die Errichtung einer Hegemonie der Supermacht über den Nahen Osten und  den Rest der Welt durch militärische Aktionen. Erfolgreicher unilateraler „Kampf gegen das Böse“. Befreiung vom Terror durch reine Symptombekämpfung ohne sich um die Ursachen zu kümmern. Lösung des Palästinenserproblems durch Abwarten und Friedensermahnungen an die Konfliktparteien. Der Frieden der Staaten Europas untereinander und mit den anderen demokratischen Ländern zeigt jedoch, dass eine friedliche Weltordnung realistisch ist, wenn sie mit friedlichen Mitteln angestrebt wird. In den islamischen Ländern und unter den Moslems der anderen Länder gibt es Menschen, die von der Vereinbarkeit der Religion mit demokratischen Strukturen überzeugt sind und danach streben. Es gilt diese Kräfte zu stärken. Für uns heißt dies mit den dreimillionen Moslems in unserem Land zu beginnen und ihnen insbesondere eine geeignete Schulbildung zu bieten, aber auch ihre Religion ernst zu nehmen. Hier sind besonders die Christlichen Kirchen gefragt. Kein Friede unter den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen und kein Friede zwischen den Religionen ohne kritischen und aufrichtigen Dialog.

Anti-Judaismus, Anti-Semitismus, Anti-Zionismus, Anti-Israelismus. Vier Worte – ein Unrecht.

Akademietagung in Köln, Samstag, den 22. Oktober 2005
in Zusammenarbeit mit der Freimaurerloge „Albertus Magnus“

Vorträge mit anschließender Diskussion

Katja Kriener:
Anti-Judaismus – ein altes Phänomen – noch wirksam oder überwunden?

  • Zusammenfassung: Durch die Geschichte der Beziehungen zwischen Kirche und Synagoge zieht sich wie ein roter Faden ein religiös geprägter Antijudaismus. Von den Kirchenvätern über Martin Luther bis in die jüngere Kirchengeschichte des letzen Jahrhunderts hinein sind Modelle judenfeindlicher Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und Synagoge vorherrschend, was nicht zuletzt in den Darstellungen kirchliche Kunst seinen Niederschlag gefunden hat.  Erst das Erschrecken über die Zusammenhänge von religiöser Diffamierung, die über soziale Ächtung bis hin zur physischen Vernichtung des jüdischen Volkes geführt hat, hat in den Kirchen zu einem Umdenken geführt, dass die Erneuerung der Verhältnisbestimmung von Kirche und jüdischem Volk und jüdischem Glauben heute neu bestimmt.

Professor Dr. Wolfgang Benz (Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin):
Anti-Semitismus

  • Zusammenfassung: Auseinandersetzung mit der jüdischen Minderheit begriffen und agiert. Dabei spielten soziale und wirtschaftliche Motive eine beträchtliche Rolle. „Überfremdung“ und „Verjudung“ sind Stichworte der Auseinandersetzung in diesem Zusammenhang. Intellektueller Höhepunkt der Auseinandersetzung war der Berliner Antisemitismusstreit, ausgelöst durch einen Artikel Heinrich von Treitschkes in den „Preußischen Jahrbüchern In Deutschland wurden die Mode gewordenen Rassetheorien fast ausschließlich als“ im November 1879. Der angesehene Historiker hatte sich gegen die von ihm befürchtete Masseneinwanderung osteuropäischer Juden ausgesprochen; er prägte auch das Schlagwort, das noch Jahrzehnte nach seinem Tod Judenfeindschaft in eine Formel brachte: „Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!“ Mit dem Vorstoß Treitschkes drohte der Antisemitismus die Berliner Universität zu erobern. Dieser Gefahr stellten sich im Sinne der Erklärung Juden und Nichtjuden entgegen, unter ihnen bekannte Rabbiner, die nationalliberalen Politiker Ludwig Bamberger und Heinrich Bernhard Oppenheim. Der Höhepunkt des Antisemitismusstreits war erreicht, als Theodor Mommsen in den Streit eingriff und Ende 1880 seine Schrift „Auch ein Wort über unser Judenthum“ veröffentlichte, in der er scharf gegen Treitschke Stellung bezog und sich dagegen verwahrte, dass Juden als „Mitbürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als besserungsfähige Strafcompagnie“ rechtlich gestellt sein dürften. Zu fragen bleibt, wie radikal die Postulate der bildungsbürgerlichen Rassisten des 19. Jahrhunderts im Vergleich zu denen der pöbelhaften Nationalsozialisten waren. Tatsächlich, das zeigt die Analyse der älteren Texte, waren die Vernichtungsphantasien im 19. Jahrhundert schon vorhanden, allerdings verborgen unter abstrakten Formulierungen: „Unschädlichmachung“, „Entjudung“, „Entfernung“, „Ausmerzung“ sind Begriffe aus der antisemitischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Dühring, einer der Ideengeber Hitlers, schreibt „Die Judenhaftigkeit läßt sich aber nicht anders als mit den Juden beseitigen.“ Aber erst die Nationalsozialisten nahmen die Anregungen der frühen antisemitischen Ideologen auf, sie setzten die von Antisemiten im 19. Jahrhundert aufgestellten Postulate der Diskriminierung und Ausgrenzung in Taten um. Der Höhepunkt der judenfeindlichen Ideologieproduktion, die zugleich als Aufbäumen gegen die Modernisierung von Staat und Gesellschaft zu verstehen ist und „die Juden“ als Inkarnation alles Bedrohlichen und zur Erklärung aller Weltübel instrumentalisierte, lag im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Wirkung erfolgte später. Mit den akademisch oder pöbelhaft, demagogisch oder wissenschaftlich auftretenden Schmähschriften der Inkubationszeit der neuen, rassistisch argumentierenden Judenfeindschaft war der Grund gelegt für die Agitation der Antisemiten nach dem Ersten Weltkrieg, die nach dem Aufstieg der NSDAP im Völkermord endete.

Dr. Reiner Bernstein:
Zionismus, Antizionismus, Antisemitismus und der Staat Israel

  • Zusammenfassung: An der Frühgeschichte der zionistischen Bewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert schieden sich die jüdischen Auffassungen mehr als die nichtjüdischen Geister. Während letztere die Auswanderung der Juden aus Europa aus antisemitischen Gründen wünschten, hegte die jüdische Mehrheit die Befürchtung, dass der politische Zionismus den problematischen Weg aller Nationalbewegungen gehen werde und darüber den religiösen Kern  des Judentums vernachlässige. So hat der Antizionismus einen jüdischen Ursprung. Die Shoah (Holocaust) schien die Grundthese des politischen Zionismus vom ewigen Judenhass zu bestätigen, dem nur durch die nationale „Normalisierung“ im Rahmen eines eigenen souveränen Staates der Juden beizukommen sei.  Diese Devise hat sich nicht bestätigt. Wurde der Staat Israel zum Beispiel in der  Bundesrepublik Deutschland anfangs einhellig begrüßt, auch weil er von der nationalen Verantwortung für den millionenfachen Mord ablenkte, so setzte nach dem Junikrieg 1967 eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gang der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern in den eroberten Gebieten der Westbank und des Gazastreifens ein. Je offenkundiger das hässliche Gesicht der Besatzung in Erscheinung trat,  desto unverhüllter machte sich in deutschen Diskussionen ein Amalgam aus politischem Antizionismus und unterschwelligem Antisemitismus bemerkbar.  Es belastet auch die Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen in erheblichem Maße, weil die Mehrheit der deutschen Juden die Auswanderung nach  Israel als Rettungsanker für den Fall eines unerträglichen Antisemitismus sieht. Diese Zusammenhänge würdigend, müssen in deutschen Diskussionen zumindest zwei Desiderata im Vordergrund stehen: Zum einen die Abwehr offener oder verdeckter  antijüdischer Ressentiments in Deutschland sowie bei Diskussionen um den Nahen Osten, zum anderen die Stärkung jener Kräfte in der Region, die den Konflikt zwischen Israelis und  Palästinensern für beide Völker für verhängnisvoll halten und für Auswege kämpfen.